Aller Anfang ist schwer


Wenn man einen Hund aus dem Tierschutz nimmt, weiß man nicht was auf einen zu kommt. Das gilt besonders wenn es ein Hund ist, der in einem riesigen, italienischen Tierheim sitzt, so wie es bei Giada der Fall war. Sie wurde als nur wenige Wochen alter Welpe gefunden. War vermutlich mit ihren Geschwistern dem Muttertier weggenommen und ausgesetzt worden. Wenn man sie nicht gefunden hätte, wäre sie gestorben.

In Italien werden Straßenhunde nicht getötet, sie kommen in ein Tierheim und bleiben dort. Sie müssen ihr ganzes Leben auf wenigen Quadratmetern verbringen. In einem öden Zwinger, ohne Abwechselung. Es gibt kein Spielzeug für die Welpen, keine Kauknochen für die Zähnchen, keine Streicheleinheiten, keine Ansprache. Gerade in der so wichtigen Sozialisierungsphase der Welpen, die von der 8. bis 12. Woche statt findet, hat Giada nichts kennen gelernt. Dabei ist diese erste Lernphase so wichtig.

Giada kannte nichts, als sie zu uns kam. Gras, Bäume, überhaupt draußen sein kannte sie nicht. Ihr Leben fand in einem kleinen Gitterkäfig statt. Sie wusste nicht, dass die Welt viel größer war. Für sie endete sie an den Gitterstäben. An der Leine gehen war ihr eben so unbekannt, wie in ein Haus zu gehen. Als sie ankam, wollte sie das Haus nicht betreten. Ich musste sie reinziehen. Drinnen entspannte sie sich und lief durch sämtliche Zimmer.

Dabei schaute sie sich alles ganz genau an und schnupperte an allen Dingen. Selbst das Bücherregal wurde untersucht. Jedes einzelne Buch angeschaut und abgeschnuppert. Es sah so aus, als scannte sie alles ganz genau ein. So ein Verhalten hatte ich noch nie bei einem Hund gesehen. Die Spanier, auch die, die ich auf Pflegestelle hatte, benahmen sich ganz anders. Sie schauten sich auch um, blieben aber anfangs in einem Raum der Wohnung. Giada brauchte sehr lange um alles ganz genau zu untersuchen. Das muss an der Art und Weise liegen, wie Herdenschutzhunde sich verhalten. Jedes kleinste Detail ist für sie wichtig und Veränderungen bemerken sie sofort.

Das an der Leine gehen gefiel ihr zuerst gar nicht. Sie versuchte alles, um von dem blöden Ding loszukommen. Als sie merkte, dass hüpfen, buckeln und ziehen nichts nützt, lief sie eben an dem komischen Ding neben mir her. Aber ein Herdenschutzhund gibt nicht so schnell auf. Immer wieder drehte sie den Kopf und biss in die Leine. Ich machte ihr klar, dass ich das nicht durchgehen ließ. Am dritten Tag, wir waren gerade auf einem Feldweg unterwegs, probierte sie es wieder. Diesmal bekam sie den Karabiner zufassen, der am Sicherheitsgeschirr eingehakt war. Sie öffnete den Haken mit den Zähnen und ich hatte nur noch die Leine in der Hand!

Giada-13.05.2017-o.jpg

Der Hund gab sofort Gas und galoppierte in großen Sprüngen davon! Die Landschaft bei uns ist weit und übersichtlich. Alles ist schnurgerade auch der Feldweg. So konnte ich einen weißen Punkt immer kleiner werden sehen… Giada konnte das erste Mal in ihrem Leben laufen. Da waren keine Gitter, die sie aufhielten. Da war nur Weite und die Geschwindigkeit! So muss sich Freiheit anfühlen, dachte sicher der Eisbär, der immer schneller wurde. Rufen brachte keine Reaktion, sie lief einfach weiter. Ich ging erst einmal mit Chica und Campa hinterher. Wobei ich dachte, so ein Mist, den Hund kriegst du nie wieder eingefangen.

Giada war inzwischen doch stehen geblieben und schaute zu uns. Langsam ging ich mit den beiden Hunden in ihre Richtung. Wir waren schon etwas näher dran, da drehte sie sich um und lief weiter fort von uns . Mir war klar, so wird das nichts. Wir würden den Hund nur immer weiter vor uns her treiben. Also rief ich einmal ihren Namen, drehte mich um und ging schnellen und entschlossenen Schrittes, in die andere Richtung davon. Ich riss mich zusammen, um nicht nach hinten zu schauen, was sie machte. Ich musste das jetzt eiskalt durchziehen, das war meine einzige Chance. Da hörte ich schon, wie der Eisbär angerannt kam. Sie stürmte erst einmal im Galopp an uns vorbei, drehte um und kam auf uns zu. Ich begrüßte und lobte sie, freut mich wie wild und hakte schnell die Leine ein!

Giada-27.05.2017-a.jpg

Das Sicherheitsgeschirr hatte gut gehalten, da konnte sie nicht rausschlüpfen. Doch der schlaue Maremmano hakte ganz einfach die Leine aus! Das hatte bei mir noch kein anderer Hund geschafft. Heute geht sie ohne Protest an der Leine und das auch schon sehr gut und manierlich. Im Laufe der Zeit wird das sicher noch besser werden. Aber eigentlich bin ich sehr zufrieden mit ihr.  Sonst könnte ich auch nicht mit drei angeleinten Hunden auf einmal gehen. Dann hätte ich ein Problem, denn es ist gerade Brut und Setzzeit. Da dürfen in Niedersachsen Hunde nur an der Leine gehen.

 

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Über Hilfe für Miranda

Wir helfen Miranda, einer ausrangierten Hannoveraner Zuchtstute. Wir sind eine kleine Gruppe Privatpersonen, die sich durch den Fall Miranda kennen lernten und eine Hilfsaktion daraus machten! Mit unserem Blog wollen wir auf das Schicksal der Zuchtstuten aufmerksam machen. Denn sie landen fast alle beim Schlachter, sobald sie keinen Gewinn mehr bringen. Miranda steht stellvertretend für alle Zuchtstuten, denn auch ihr Weg war schon beschlossen. Mit 20 Jahren und nach zwei Totgeburten, sollte sie geschlachtet werden. Wir kauften sie frei, schafften einen Platz für sie und retteten ihr damit das Leben. Der Blog berichtet aktuell über das neue Rentnerleben von Miranda. Wir möchten niemanden anklagen oder verurteilen, wir möchten nachdenklich machen. Schön wäre ein Umdenken bei Züchtern und Reitern zu erreichen. Wir möchten auch Unterstützung finden. In Form von Mithilfe, Sachspenden und Spenden, damit wir Miranda ein wundervolles Leben ermöglichen können. Sie hat verdient, nach vielen Jahen als Gebärmaschine würdevoll und artgerecht behandelt zu werden. Wir möchten auch, dass jeder der nun weiß, was mit ausrangierten Zuchtstuten passiert, die Geschichte weiter erzählt. Dafür sagen wir DANKE!
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10 Antworten zu Aller Anfang ist schwer

  1. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, Herdenschutzhunde scannen wirklich fast alles ab – und jede kleine Veränderung fällt ihnen auf und muss neu gescannt werden. Vieles was bei anderen Hunden ganz einfach und normal ist, das geht bei Ihnen nicht … dafür ist Anderes viel einfacher. Die Schwierigkeit ist es oft, sich darauf einzulassen. Ich freue mich, dass Giada bei euch die Zeit bekommt und ihren Instinkten folgen darf.

    Liebe Grüße,
    Isabella mit Damon und Cara

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    • Hilfe für Miranda schreibt:

      Hallo liebe Isabella,
      da kann ich Dir nur zustimmen. Man muss vollkommen umdenken und sein eigenes Verhalten immer wieder unter die Lupe nehmen. Diese Hunde beobachten nicht nur die Umgebung, sie beobachten auch ihren Menschen ganz genau. Sie merkten auch bei uns jede kleinste Veränderung. Es ist anfangs ganz schön schwierig, eine richtige Lernaufgabe. Ich finde es toll, dass Du Dich so gut auskennst. Hast Du selbst einen Herdenschutzhund?
      LG Susanne

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      • Unsere Laika war ein Herdenschutzhund und unsere Lady war ein HSH-Mix. Wir haben mit Beiden viel erlebt und von Beiden viel gelernt. Besonders das Wort „langsam“ und dafür haben wir „schnell mal“ aus unserem Wortschatz gestrichen 😉

        Liebe Grüße,
        Isabella mit Damon und Cara

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        • Hilfe für Miranda schreibt:

          Das glaub ich gern, dass Ihr mit beiden viel gelernt habt. Giada gehorcht sehr gut und auch ziemlich schnell. Nur wenn sie nachschauen muss, ob vielleicht eine Gefahr hinterm Zaun lauert, lässt sie sich nicht davon abhalten. Sie muss sich selbst überzeugen, dass alles in Ordnung ist. Dann kann sie auch wieder das machen, was ich von ihr möchte. Aber im Großen und Ganzen ist sie sehr kooperativ. Bin gespannt ob das so bleibt wenn sie mit 3 Jahren erwachsen ist. 😀
          Hast Du Deine Erlebnisse aufgeschrieben? Mich würde das sehr interessieren.
          LG Susanne

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  2. wolke205 schreibt:

    Bleibt Giada eigentlich dauerhaft bei Dir auf Pflege oder soll sie noch vermittelt werden? Bei den Streunerherzen steht nur „kommt in Pflege“ 🙂 Musste mir ja mal die Geschwister und die anderen Fellnasen online anschauen 🙂

    Hui, das gibt einen ordentlichen Schreck, wenn sich ein Hund so auf und davon macht… Bin ich froh, dass Du auch da genau richtig reagiert hast. Auch wenn es Überwindung kostet. Kenn ich selbst nur zu gut. Da bleibt einem fast das Herz stehen. Arko war so ein Hund, der kam aus jedem Halsband raus. Er trug immer einen Stachelwürger (nur „Deko“, aber dann konnte man ihn führen, möchte gar nicht wissen wie sein toller Vorbesitzer den gebraucht hat..) und dieser war nur am normalen Halsband eingehakt, so dass kein Druck drauf kam. Eine Sekunde nicht aufgepasst, da baumelte das Teil neben ihm. Wie geht das? Es waren ein paar Sekunden Zeit und das andere war ja noch dran. Ich hab nicht mal gemerkt dass sich die Leine oder was großartig bewegt hätte. Und den Würger konnte man nur aushaken und dann abmachen, über den Kopf war eigentlich unmöglich 😀 Hat er öfter gemacht.

    Ich bin sehr gespannt wie sich die Schöne weiterentwickelt. Sie hat schon so viel kennenlernen können und darf endlich Hund sein 🙂 ❤

    Drück Dich ❤

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    • Hilfe für Miranda schreibt:

      Nein die bleibt. Die kommen z.Z. nicht dazu ihre Seite zu aktualisieren. Das Geschirr ist so ein Sicherheitsteil, da kommt sie nicht raus. Bei Chica hatte ich das aber mal. Die hatte ein Geschirr, da durfte man nicht nach vorne ziehen. Dann machte sie einen Buckel und schlüpfte raus. Als ich den Trick noch nicht kannte, habe ich ganz schön blöd geguckt. Ich wollte damals etwas in die Garage legen und dann mit dem Hund gehen. Chica lief schon vor, um die Ecke und plötzlich hatte ich nur noch das Geschirr an der Leine. Ich dachte ich spinne. Sie kam aber schon damals sofort auf Zuruf zu mir. Bei einem Angsthund ist das sonst nicht so lustig.

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      • wolke205 schreibt:

        Ja, die Sicherheitsgeschirre kenn ich. Hatten wir damals bei Kayla überlegt, ob wir ihr eins holen. Sie ist aber nur einmal überhaupt aus dem Geschirr geschlüpft, als sie Schnalle nicht richtig zu war bzw. schief. Meine beiden sind da zum Glück echte Doofies, sie mögen ihre Geschirre locker und luftig eingestellt, auch wenn sie mal richtig rückwärts oder seitwärts ziehen kommt da keiner raus. Darf auch gerne so bleiben 😀 Schön, dass sie dauerhaft bleibt. Ich hoffe die Paten bleiben auch erhalten ❤ Bei Chica ist das natürlich noch mal was anderes mit dem Rausschlüpfen. Sie hätt ja gleich über alle Berge sein können. Aber sie hat wohl damals schon gewusst, dass es bei Dir viel toller ist und sie lieber wieder zurück kommt 🙂 Das aktuelle Geschirr von Chica wurde übrigens als richtig gut bewertet bei den Geschirren von der Stange. Diego hat es in XS/S, passt auch – aber an der Seite stellt es sich ständig weiter, darum musste ich weiter suchen. Nun hat er sein Anny-X – das beste Geschirr überhaupt 🙂

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        • Hilfe für Miranda schreibt:

          Chica und Campa haben so ein gepolstertes Teil. Ich bin auch bei beiden Hunden sehr zufrieden damit. Chica ist so ein dünnes Klappergestell, die kann aus jedem Geschirr herausschlüpfen. Sie braucht sich nur umzudrehen und einen Buckel machen. Das hat sie aber schon ein paar Jahre nicht mehr probiert. Ich ziehe auch nicht mehr nach vorn. 😉 Wenn sie stehen bleibt regle ich das nur mit der Stimme. Wenn ich „weiter“ sage geht sie voran. Damit kommen wir ganz gut klar.
          Du schreibst das genau richtig. Das mit dem Rausschlüpfen ist bei einem Angsthund wie Chica, noch viel schlimmer. Ich hatte aber das Glück, dass sie von Anfang an zum Haus gelaufen ist, wenn ihr etwas Angst machte. Sie stand dann vor der Tür und ihr Blick flehte: „Lass mich rein.“ Sie hat sich auch draußen von mir anfassen lassen. Was bei einem Angsthund ja leider selten der Fall ist. Die bekommt man sonst nicht mehr zu fassen. Weil sie nur bis auf ein paar Meter ran kommen und wenn du sie anfassen willst ausweichen.

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  3. Elisabeth Berger schreibt:

    Es ist so schön, daß Giada ihr Leben jetzt genießen kann – so wie es sich ein Tier verdient😊
    Aller Anfang ist schwer, aber du machst das schon richtig mit dem Eisbärchen☺️
    LG Elisabeth

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