Ist Pferdehaltung artgerecht?

Beinahe 4 Jahre beobachten, Wissen ansammeln und eigene Erfahrungen machen, haben mich zu der Überzeugung gebracht, es ist so gut wie unmöglich, ein Pferd artgerecht zu halten. Alles was wir vom Pferd verlangen, hat nichts mit seinen natürlichen Bedürfnissen zu tun. Dabei denke ich nicht nur an die Zuchtstuten oder Sportpferde. Ich meine auch das Reitpferd im Freizeitbereich.

Um die Bedürfnisse unserer Pferde besser verstehen zu können, müssen wir versuchen die Welt einmal mit den Augen der Pferde zu sehen. Wir haben die Pferde in unsere Obhut genommen. Also ist es unsere Pflicht, ihre Ur-Bedürfnisse zu erkennen und zu respektieren. Wir sind verpflichtet diese Ur-Bedürfnisse zu erfüllen und sollten dies versuchen, so weit wir können.

Was ist wichtig in der Welt der Pferde?

– Freie Sicht um Gefahren zu erkennen und frühzeit zu fliehen.
– Frische Luft und natürliches Licht.
– Die freie Wahl sich jeder Witterung auszusetzen oder geschützt unterzustellen.
– Ständige lebenswichtige Sozialkontakte zu Artgenossen.
– Immer in Bewegung sein zu können.
– Dauernd Nahrung in kleinen Mengen aufnehmen zu können.

In freier Natur leben Pferde in Steppenlandschaften. Sie legen jeden Tag, auf der Suche nach Nahrung und auf dem Weg zum Wasser, viele Kilometer, im Schritt-Tempo zurück. Dabei nehmen sie stetig Futter auf. Wer sich die Zeit nimmt und seine Pferde auf der Weide beobachtet, wird bald einen bestimmten Tagesrhythmus erkennen. Die Pferde fressen 1 bis 2 Stunden, sie ruhen 1 bis 2 Stunden. Dann fressen sie wieder, dann schlafen sie, dann gehen sie zum Wasser und saufen, um danach wieder zu fressen. Das geht ungefähr in diesem Rhytmus 24 Stunden lang, also auch in der Nacht. Dabei sind die Pferde immer in Bewegung.

Das komplexe Verdauungssystem der Pferde, ist auf eine unentwegte Aufnahme kleiner Futtermengen ausgelegt. Pferde haben im Vergleich zu ihrer Größe einen sehr kleinen Magen, dafür aber eine sehr lange Darmpassage. Im Magen wird ununterbrochen Säure zur Verdauung produziert, auch wenn kein Futter zugeführt wird. Nun wird klar, was passieren kann, wenn Pferde zu große Portionen auf einmal bekommen, oder zu lange Fresspausen einlegen müssen. Die Folgen sind nicht selten Koliken und Magengeschwüre. Fresspausen von mehr als 2 Stunden können für ein Pferd schon gefährlich werden!

Je weniger ein Pferd auf die Weide darf, um so schneller frisst es. Das gilt auch für nur 2- oder 3-maliger Heufütterung am Tag. Das Pferd frisst viel zu schnell. Es speichelt die Nahrung nicht richtig ein und kann ernste Verdauungsstörungen bekommen. Außerdem sind die Pferde gegen rangniedere Artgenossen viel aggressiver.

In der Natur kennen Pferde keine Langeweile. Sie sind ein Großteil des Tages und der Nacht mit der Futtersuche, bzw. -aufnahmen beschäftigt. Mit was sollen sich aber unsere Pferde in der heutigen Haltung beschäftigen. Viele stehen 23 Stunden in der Box, vielleicht sogar auf Späne wegen Atemwegsproblemen. Sie haben dann nicht mal Stroh zum Knabbern. Nur zum Reiten kommen diese Pferde aus der Box. Danach geht es wieder zurück. Zweimal, bestenfalls dreimal bekommt das Pferd Heu und Kraftfutter, was es mit Heißhunger viel zu schnell verschlingt.

Auch viele Offenstallpferde erleben einen öden und langweiligen Winter, ohne Weidegang. Sie stehen mit vielen anderen Pferden, dicht gedrängt, auf einem kleinen Paddock. Hier können die Pferde nicht schnell genug den ranghohen Tieren ausweichen. Da bleiben natürlich Verletzungen nicht aus.

Langeweile, eingesperrt sein, zu wenige Fütterungszeiten machen die Pferde krank. Auch Verhaltensstörungen sind die folge, wie u.a. Koppen, Weben, Kopfschlagen, Holznagen usw. Oder sie machen einfach nur Blödsinn, wie der Mensch meint.

Es ist nicht jedem Pferdebesitzer möglich, sein Pferd in einer rundum artgerechten Haltung unterzubringen. Aber oft helfen kleine Verändungen das Leben des Pferdes pferdegerechter zu gestalten.

Love-2

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Über Hilfe für Miranda

Wir helfen Miranda, einer ausrangierten Hannoveraner Zuchtstute. Wir sind eine kleine Gruppe Privatpersonen, die sich durch den Fall Miranda kennen lernten und eine Hilfsaktion daraus machten! Daraus ist 2015 der gemeinnützige Tierschutzverein "Tierhilfe Miranda e.V." geworden. Miranda bekam Freunde dazu und nun kümmern wir uns ausschließlich um alte und unvermittelbare Tiere. Mit unserem Blog wollen wir auch auf das Schicksal der Zuchtstuten aufmerksam machen. Denn sie landen fast alle beim Schlachter, sobald sie keinen Gewinn mehr bringen. Miranda steht stellvertretend für alle Zuchtstuten, denn auch ihr Weg war schon beschlossen. Mit 20 Jahren und nach zwei Totgeburten, sollte sie geschlachtet werden. Nur weil wir sie freikauften, einen Gnadenbrot-Platz für sie schafften, retteten wir ihr das Leben. Der Blog berichtet aktuell über Mirandas neues, artgerechtes Rentnerleben. Wir möchten niemanden anklagen oder verurteilen, wir möchten nachdenklich machen. Schön wäre ein Umdenken bei Züchtern und Reitern zu erreichen. Wir möchten auch Unterstützung finden. In Form von Mithilfe, Sachspenden und Spenden, damit wir Miranda ein wundervolles Leben ermöglichen können. Sie hat verdient, nach vielen Jahen als Gebärmaschine würdevoll und artgerecht behandelt zu werden. Wir möchten auch, dass jeder der nun weiß, was mit ausrangierten Zuchtstuten passiert, die Geschichte weiter erzählt. Dafür sagen wir DANKE!
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13 Antworten zu Ist Pferdehaltung artgerecht?

  1. Simmis Mama schreibt:

    Stimmt total. Tja …

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  2. Chris schreibt:

    Wow, das ist echt interessant. Vor allem, dass Pferde viele kleine Mengen Nahrung aufnehmen, habe ich gar nicht gewusst. Aber wie ist das, musst du da alle zwei Stunden Tag und Nacht frisches Futter aufstellen oder wissen die Pferde, wann sie fürs Erste genug haben und bedienen sich später wieder weiter?

    Wuff-Wuff dein Chris

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    • Hilfe für Miranda schreibt:

      Hallo Chris, ich freu mich über dein Interesse, du schlauer Hund! 😀
      Das wissen übrigens nicht einmal alle Pferdebesitzer. Aber man lernt ja immer dazu. Ich habe am Anfang viele tolle Tipps von „Leuten die mit Pferden aufgewachsen sind“ bekommen. Zum Glück glaube ich nicht einfach alles was man mir sagt. Diese „Leute die mit Pferden aufgewachsen sind“ haben die schlimmsten Fehler gemacht. 😦
      Damit die Pferde gut über die Nacht kommen, füttere ich sehr spät noch einmal Heu. Dann werden zusätzlich die Heunetze gefüllt, so haben sie eine größere Menge Heu im Stall. Dann wird morgens früh als erstes wieder Heu gefüttert. Es ist also im Winter nichts mit früh zu Bett oder länger ausschlafen… Pferde die ständig Heu zur Verfügung haben, fressen langsam und nur so lange, bis sie satt sind. Meine beiden kommen deswegen sicher viel besser durch die Nacht, als andere Pferde.
      LG Susanne

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  3. Heidi schreibt:

    Ja, liebe Susanne,
    all das wusste ich, und denke IMMER mit Schrecken an die Pferde, die von artgerechter Unterbringung nie was erleben werden…..
    Ich freue mich immer wenn ich Fotos von deiner großen Weide sehe!!!!
    Liebe Grüße Heidi

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    • Hilfe für Miranda schreibt:

      Liebe Heidi,
      ich muss jeden Tag an so einem Beispiel von nicht artgerechter Haltung vorbei, wenn ich mit den Hunden gehe. 😦
      Es geht bei uns sicher ein bisschen artgerechter zu, auch weil die Pferde mehr Platz zur Verfügung haben. Wenn viele Pferde, auf relativ kleiner Fläche gehalten werden, kann man die Ur-Bedürfnisse der Pferde nicht mehr befriedigen. Leider haben die meisten Stallbesitzer nicht ausreichend Fläche und nur ihren Gewinn im Kopf. Je mehr Pferde im Stall stehen, desto mehr Stallmiete kassieren sie.
      Unser Stall hatte ursprünglich 4 Boxen. Die habe ich rausgerissen und 2 große Boxen und einen Laufstallteil daraus gemacht.
      LG
      Susanne

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  4. Paula schreibt:

    Liebe Susanne,
    einiges von dem,was Du schreibst wusste ich, aber mir war zB. .nicht klar,dass Pferde auch nachts fressen.So gut wie Miranda und Bachus haben es leider nicht so viele Pferde,weil sich die Menschen nicht die Mühe machen,die natürlichen Bedürfnisse ihrer Tiere zu ergründen und sich dann auch noch danach zu richten.Auf dem Foto zeigst Du zwei recht glücklich ausschauende Pferde. (Ist Miranda links im Bild oder irre ich mich diesmal?)
    Liebe Grüße Uwe

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    • Hilfe für Miranda schreibt:

      Lieber Uwe,
      das Verdauungssystem der Pferde ist auf ständige Nahrungsaufnahme ausgerichtet. Fresspausen sind für sie gefährlich. Das gilt für den Tag und die Nacht. Pferde schlafen ja auch nur in kurzen Etappen, sowohl am Tage als auch Nachts. Das ist anderes als z.B. bei Hunden oder Katzen.
      Ja Du hast recht, Miranda ist links im Bild! 😉 Man kann Dir nichts mehr vormachen! ;-)))))))))))))))
      LG Susanne

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  5. hundhoch3 schreibt:

    Sehr guter Text und vielleicht (die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt) erreicht er auch die richtigen Menschen und bewegt sie zum Umdenken. Ich habe im Laufe meiner reiterlichen Laufbahn schon so viele schlechten Pferdehalter kennen gelernt, dass es immer wieder erstaunlich ist, dass ihre Pferde sie überhaupt noch akzeptieren. Mach weiter so!

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