Erlerntes Verhalten

Die Pferde sind jetzt seit über einem Jahr bei mir und wir haben uns in dieser Zeit sehr genau kennen gelernt. Sie haben Vertrauen und wissen, dass ich ihnen nur Gutes bringe wie: Futter, Aufmerksamkeit, Schutz, Pflege. Wenn sie mich sehen kommen sie sofort angelaufen, auch wenn sie am anderen Ende der Weide stehen. Sobald mich einer der beiden erblickt, wird die momentane Tätigkeit unterbrochen, was ja meistens grasen ist. Der Kopf geht hoch und sie kommen wiehrend zu mir. Am Anfang trottete Bachus immer einige Schritte hinter Miranda her. Sie war diejenge die aktiv zu mir kam.
Wenn ich mit Halfter in der Hand auf Bachus zuging, blieb er einfach stehen und wartete ab, was jetzt passieren würde. Seine Besitzerin erzählte mir, dass Bachus in dem Stall indem er vorher stand weg lief, wenn ihn jemand von der Koppel holen wollte. Dort wurde er zum Reiten von der Weide geholt. Bachus war ja mal ein Schulpferd und hat natürlich nicht immer gute Erfahrungen mit Reitanfängern gemacht. Außerdem kommen die Pferde in den großen Ställen nur für wenige Stunden auf die Weide, anders geht das nicht. Dadurch lernte Bachus, dass es nicht angenehm für ihn war, von der Weide geholt zu werden. Deshalb schaute er mich am Anfang wenn ich mit dem Halfter kam immer so an: „Bitte nicht reiten!“, lief aber nicht weg. Mittlerweile weiß er ganz genau, dass er nicht arbeiten muss. Seitdem kommt auch er aktiv auf mich zugelaufen. Egal ob ich ein Halfter in der Hand habe oder nicht. Dabei geht er sogar schon mal vor Miranda, obwohl sie die Leitstute ist.

Ich hatte ein tolles Mittel für kleinere Verletzungen bei den Pferden gekauft. Homeovet Hautlotion hilft sehr gut bei Schrammen, Abschürfungen oder Insektenstichen. Es ist ein ganz mildes Naturheilmittel, das Juckreiz und Schmerzen nimmt und direkt auf alle Wunden aufgetregen werden kann, ohne zu Brennen. Ich habs selbst bei mir ausprobiert und kann dies bestätigen! 😉
Dieses Mittel ist in einer braunen Glasflasche. Sobald ich diese Glasflasche in der Hand habe, läuft Bachus vor mir davon! Ich wollte ihm das Zeug auf eine kleine Schramme an der Flanke auftragen. Das war aber nicht möglich, weil Bachus vor mir weglief. Ich ließ mich aber nicht auf dieses Fangenspielen ein und dreht mich einfach um. Ging ein paar Schritte in die andere Richtung und versteckte die Flasche. Bachus kam hinter mir her. Als er die Flasche in meiner Hand sah, dreht er wieder um! Jetzt wusste ich, dass es an der braunen Glasflasche lag. Er wird wohl in seinem langen Leben einige Injektionen erhalten haben. Denn Tierärzte haben ihre Medikamente in solchen braunen Glasflaschen.

Ich habe auch noch ein biologisches Fliegenmittel für die Pferde. Das ist vollständig natürlich aus ätherischen Ölen, ohne Pestizide oder sonstwelcher Chemie. Wenn die Fliegen und Bremsen die Pferde zu doll ärgern, reibe ich die beiden damit ein. Sie haben dann einige Stunden Ruhe. Dieses Mittel ist in einer großen braunen Glasflasche. Was meint ihr wie Bachus reagiert, wenn er diese Flasche in meinen Händen sieht? Richtig, er gibt Hackengas!
Deshalb muss ich tricksen. Das Wundenmittel wird in eine kleine Plastikdose umgefüllt. Die passt gut in jede Tasche und Bachus hat keine Angst mehr. Das Fliegenzeugs wird außer Sichtweide der Pferde auf einen dicken, weichen Schwamm aufgetragen. Und schon kann ich beide damit einreiben, ohne mich auf Fangenspiele einzulassen.

Hieran sieht man sehr schön, wie Pferde aus Erfahrungen lernen. Was Bachus hier zeigt ist ganz eindeutig erlerntes Verhalten. Das funktioniert im positiven, wie im negativen Sinne. Ich habe festgestellt, es lassen sich negative Erfahrungen durch andauernde positive Reize löschen. Ein Mensch der mit Halfter auf Bachus zugeht, bedeutet für ihn jetzt nichts Unangenehmes mehr. Selbst unsere beiden Rentner-Pferde können sich auf neue Situationen einstellen und ihr ganzes Leben dazu lernen!

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Über Hilfe für Miranda

Wir helfen Miranda, einer ausrangierten Hannoveraner Zuchtstute. Wir sind eine kleine Gruppe Privatpersonen, die sich durch den Fall Miranda kennen lernten und eine Hilfsaktion daraus machten! Daraus ist 2015 der gemeinnützige Tierschutzverein "Tierhilfe Miranda e.V." geworden. Miranda bekam Freunde dazu und nun kümmern wir uns ausschließlich um alte und unvermittelbare Tiere. Mit unserem Blog wollen wir auch auf das Schicksal der Zuchtstuten aufmerksam machen. Denn sie landen fast alle beim Schlachter, sobald sie keinen Gewinn mehr bringen. Miranda steht stellvertretend für alle Zuchtstuten, denn auch ihr Weg war schon beschlossen. Mit 20 Jahren und nach zwei Totgeburten, sollte sie geschlachtet werden. Nur weil wir sie freikauften, einen Gnadenbrot-Platz für sie schafften, retteten wir ihr das Leben. Der Blog berichtet aktuell über Mirandas neues, artgerechtes Rentnerleben. Wir möchten niemanden anklagen oder verurteilen, wir möchten nachdenklich machen. Schön wäre ein Umdenken bei Züchtern und Reitern zu erreichen. Wir möchten auch Unterstützung finden. In Form von Mithilfe, Sachspenden und Spenden, damit wir Miranda ein wundervolles Leben ermöglichen können. Sie hat verdient, nach vielen Jahen als Gebärmaschine würdevoll und artgerecht behandelt zu werden. Wir möchten auch, dass jeder der nun weiß, was mit ausrangierten Zuchtstuten passiert, die Geschichte weiter erzählt. Dafür sagen wir DANKE!
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17 Antworten zu Erlerntes Verhalten

  1. calichino schreibt:

    Was für ein toller und interessanter Beitrag! Wieviel Mühe du dir gibst es den beiden schön zu machen ist wirklich etwas besonderes. Und diese Beobachtung finde ich auch so toll: Gute Erfahrungen können durch wiederhergestelltes Vertrauen die schlechten ersetzen. 🙂 Das gibt Hoffnung! Viele Grüße an euch drei! Cali

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    • Hilfe für Miranda schreibt:

      Vielen Dank liebe Cali, für Deine netten Worte! 😀
      Ich freue mich über jede Erfahrung, die ich mit den Pferden machen darf. Mit Hunden klappt es ja auch, schlechte Erfahrungen durch posivite Reize zu löschen. Ich habe in meinem Leben schon mit 2 extremen Angsthunden gearbeitet. Einer war sogar schon 6 oder 7 Jahre alt, als er zu mir kam. Selbst der hat sich in seinem Verhalten sehr gebessert. Ist heute in fast allen Situationen angstfrei. Und nun weiß ich, es geht auch mit Pferden! 😀

      LG Susanne

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  2. kowkla123 schreibt:

    Hallo, Susanne, das hast du aber schön beschrieben, man liest es interessiert mit und freut sich mit dir, wie du das so machst, einfach toll, ich sitze im Autohaus und warte auf mein Auto, du weißt ja, Urlaubsfahrt, alles Güte, Klaus

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  3. einfachtilda schreibt:

    Das finde ich super. Hackengas 😀 Hab lieben Dank für deinen Beitrag. ♥

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  4. bilderharmonie schreibt:

    Sehr interessant zu lesen und er zeigt, wie sehr Du Dich auf die Pferde – sowohl Miranda als auch Bachus (und ich denke mal, jedes weitere Pferd) – einstellen kannst – Respekt 🙂

    Daß die Tiere negative Erfahrungen behalten, ist leider so, aber Dein Beitrag zeigt ja, daß man mit Geduld und Hingabe immer noch Möglichkeiten hat 🙂

    Ein schönes Wochenende Euch allen,
    Thomas

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    • Hilfe für Miranda schreibt:

      Lieber Thomas,

      wenn man ein wenig die Pferdesprache lernt und spricht, kann man vieles wieder hinbiegen. Es wird viel mit Körpersprache gearbeitet. Das geht auch bei anderen Tierarten. Jede Tierart hat ihr eigenes Verhalten und ihre eigenen Bedürfnisse. Die Tiere verstehen am besten ihre eigene Sprache. Der Menschen sollte sich deshalb mit dem Verhalten der jeweiligen Tierart beschäftigen. Dann wird er von dem Tier verstanden und versteht umgekehrt das Verhalten der Tiere.
      Ich beobachte viel und kann mich so auf das jeweilige Tier gut einstellen. Das kann jeder lernen. Eine gehörige Portion Geduld gehört natürlich auch dazu. 😉

      Liebe Grüße und Dir auch ein schönes Wochenende!
      Susanne

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      • bilderharmonie schreibt:

        Hallo Susanne,
        das mit der Körpersprache und der Kommunikation überhaupt kann ich voll und ganz bestätigen; gerade bei „meinem“ Streuner; schließlich handelt es sich um eine Wildkatze, das ist dann schon etwas anderes als bei einer domestizierten.
        Aber es lohnt sich auf jeden Fall und beide Seiten haben etwas davon 🙂
        Dir einen schönen Wochenanfang,
        Thomas

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  5. wolke205 schreibt:

    …und es ist sehr schön, dass es auch noch Menschen gibt die sich die Zeit nehmen sich mit dem Verhalten der Pferde auseinanderzusetzen, sie nicht einfach zu überrumpeln, sondern entsprechend zu reagieren und sich auch mal was einfallen zu lassen, um sie nicht unnötig zu stressen..weiter so! 😀

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    • Hilfe für Miranda schreibt:

      Danke liebes Wölkchen! 😀 Das finde ich auch. 😀 Eigentlich sollte jeder der mit Pferden zu tun hat, sich erst einmal mit dem Verhalten der Pferde befassen. Wer weiß, wie Pferde miteinander kommunizieren, kann sich ganz schnell den Respekt und das Vertrauen der Pferde erarbeiten. Dann gehorchen sie freiwillig, ganz ohne Druck und Schmerz. Leider hat sich das noch nicht wirklich in den Reiterkreisen rumgesprochen.

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      • wolke205 schreibt:

        Traurig aber wahr.. Es ist erschreckend, was vielerorts praktiziert wird..Zwang & Gewalt und schon die kleinsten Reiter machen s nach 😦 Hoffentlich ändert sich das schleunigst…

        Mich haben sie damals auch belächelt, weil ich fast ausschließlich Bodenarbeit am Anfang gemacht hab. Hinterher wären sie sicher froh gewesen, sich auch etwas mehr mit ihren Pferden beschäftigt zu haben..Vom Boden aus kann man vieles besser steuern. Shaman und mich hat es zusammengeschweißt, z,B, wenn alle anderen Pferde durchgehen, steht er wie der Fels in der Brandung 😉

        Miranda ist ja auch schon viel ruhiger geworden, weil sie Dir vertraut & Bachus macht sich auch prächtig 🙂

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  6. droegeh schreibt:

    Liebe Susa!
    Bei Tieren wie bei Menschen muss man manchmal Tricks anwenden um sie bei Laune zu halten, in einem gewissen Alter die Pferde aber noch umzugewöhnen bedarf es viel Geduld und Zeit. Zeit hast du ja wirklich keine, da du sie dir aber trotzdem nimmst wirst du von Bacchus und Miranda belohnt. Sie lassen sich auf dich ein, kommen zu dir und du kannst Bacchus zudem noch übertölpeln. Gewusst wie!
    Liebe Grüße und einen Sonnen-Samstag wünscht HEIKO

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    • Hilfe für Miranda schreibt:

      Lieber Heiko,

      ich würde es nicht übertölpeln nennen. Ich vermeide einfach Situationen die ihm Angst machen. Angstauslösende Dinge nicht zeigen. Oder wenn er zurückweicht, nehme ich den Druck aus der Situation, indem ich mich umdrehe und einige Schritte von ihm weg gehe. Er folgt mir dann. Es sind nur kleine, feine Signale, die er versteht. Ein ranghohes Pferd würde das genau so machen.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende für Euch!!! 😀
      Susa

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  7. Mascha schreibt:

    Sehr schön, Susanne!! Du bist mit dem Herz dabei!!!

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  8. kowkla123 schreibt:

    ich danke sehr für die Urlaubsgrüße, wird bestimmt schön, ein wenig bin ich beunruhigt, dort sind heute schon 30 Grad, das wäre schlim, aber da muss ich wohl durch, alles Gute, KLaus

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